Home » Artikel » Porajmos und Widerstand. Teil 1 einer Serie über Jugoslawien

Porajmos und Widerstand. Teil 1 einer Serie über Jugoslawien

inhaftierte Roma im Todeslager Jasenovac

Porajmos und Widerstand. Teil 1 einer Serie über Jugoslawien

Am 6. April 1941 begann mit der Bombardierung Belgrads und anderer Orte die Besetzung des Königreichs Jugoslawien durch Nazi-Deutschland und die anderen faschistischen Staaten Europas. Jugoslawien wurde noch im April 1941 in verschiedene Einflussbereiche dieser Staaten aufgeteilt. Nur wenige Tage nach dem Beginn des Krieges und noch vor der Kapitulation Jugoslawiens wurde der Unabhängige Staat Kroatien (Nezavisna Država Hrvatska, kurz NDH) gegründet. Geographisch stimmte er nicht mit dem heutigen Kroatien überein, sondern umfasste u.a. Teile des heutigen Kroatien, Serbien und ganz Bosnien-Herzegowina. Geführt wurde er von der Ustaša. Ihr Gründer und Anführer Ante Pavelić kehrte dafür aus dem italienischen Exil zurück. Anders als der Name des neuen Staates zu suggerieren vermag, war er nicht unabhängig, sondern ein Marionettenregime der deutschen Besatzungsmacht.

Propagandameldung der deutschen Wehrmacht über den erfolgten Angriff der Luftwaffe auf Belgrad vom 6. April 1941
Ante Pavelić, Führer (Poglavnik) der Ustaša

Die Ustaša war eine faschistische Bewegung und strebte einen ethnisch reinen kroatischen Staat an. Kroaten galten dabei als Arier. Neben rassenideologischen Elementen war auch ein fanatischer Katholizismus Teil der Ideologie. Erste rassenideologische Gesetze wurden bereits im April und Mai erlassen, die sich am Vorbild Nazi-Deutschlands und den Nürnberger Gesetzen orientierten, aber an lokale Gegebenheiten angepasst wurden. So richteten sie sich nicht nur gegen Juden und Roma, sondern auch Serb_innen, die aufgrund ihrer Anzahl (ca. zwei Millionen Einwohner_innen des Gebietes) als großes Problem angesehen wurden.Sie waren zudem meist orthodox. Staatsbürger konnten nur „Arier“ sein, womit Serben, Juden und Roma von der Staatsbürgerschaft ausgeschlossen und damit entrechtet waren. Um die neuen Gesetze durchzusetzen, wurden Anweisungen zur „rassischen Zuordnung“ von der Regierung zusammengestellt. Auf Grundlage dieser Anweisungen hat das Innenministerium der NDH Anfang Juli 1941 eine Zwangsregistrierung von Roma veranlasst, die in den kommenden Monaten durchgeführt wurde.

Zu dieser Zeit wurden erste Massenmorde an Serben verübt, und die ersten Konzentrationslager wurden eingerichtet. Dazu gehörten das erste Todeslager in der Nähe der Stadt Gospić und im August 1941 das Todeslager in Jasenovac. Innerhalb gut eines Jahres errichtete die Ustaša insgesamt etwa 50 Lager zu verschiedenen Zwecken. Jasenovac war das größte Lager. Roma wurden zusammengeschart und in dieses Gebiet transportiert. Gleichzeitig wurde mit dem systematischen Raub der Besitztümer, gewaltvollen Gefangennahmen und schließlich der Deportation in die Konzentrationslager und Vernichtung der Roma-Bevölkerung begonnen.

Die Aktionen wurden in der Öffentlichkeit als Maßnahmen zur ‚Heranführung zur Arbeit und handwerklichen Befähigung’ präsentiert. Den Roma selbst wurde versprochen, sie beispielsweise in die geräumten Häuser der Serben und Montenegriner im Kosovo anzusiedeln oder nach Bosnien (sog. Mittel-Kroatien) bzw. in einen „Zigeunerstaat“ umzusiedeln.

In Jasenovac ermordete die Ustaša bis zum Ende des Krieges mehr als 130000 Menschen, in erster Linie Serben, Roma und Juden. Sie wurden dort entweder direkt ermordet oder starben durch Folter, Krankheiten und Hunger. Anders als andere Todeslager wurde Jasenovac nicht von den Deutschen geführt, sondern von der Ustaša selber, also Kroaten. Ab Mai 1942 sollten alle Roma nach Jasenovac deportiert werden, wobei die Roma islamischen Glaubens ausgenommen werden sollten, da man sie für arisch hielt. Alle anderen Roma wurden in Konzentrationslager deportiert. Da es zu viele waren, kamen manche in kleinere Lager oder wurden gleich ermordet.

Die Ustaša etablierte zunächst ein ähnliches Selektions-System wie es in den Lagern der Deutschen existierte. Frauen, Kinder, ältere und schwache Menschen wurden gleich in den Tod geschickt, während arbeitsfähige Männer Zwangsarbeit leisten mussten. Manche wurden auch zur Zwangsarbeit nach Deutschland verschleppt. Bereits im Juli 1942 wurden auch die Männer in Jasenovac ermordet, so dass keine Roma mehr in dem Lager verblieben. Ausgenommen davon waren die wenigen Totengräber, die Anfang 1945 getötet wurden. Zwischen 22000 und 28000 Roma wurden vom April bis Juli 1942 in Jasenovac ermordet. Insgesamt wurden fast alle Roma auf dem Gebiet der NDH ermordet.

Am Porajmos in der NDH war nicht nur das Regime beteiligt. Die deutschen Minderheitenorganisationen (kulturbundaši) haben mit Unterstützung der Regierung in den Gebieten um Valpovo und Virovitica Vertreibungen und Raubzüge durchgeführt. Aber nicht nur die deutsche Bevölkerung beteiligte sich. Der größte Teil gehörte der kroatischen Mehrheitsgesellschaft an. So ersteigerten kroatische Bauern Möbel und Werkzeuge, während die Ustaša die Häuser untereinander aufteilten oder zerstörten.

Über den Porajmos in Jugoslawien ist in westlichen Sprachen bis dato nicht viel Literatur erschienen oder übersetzt worden. Meistens wird er in Werken über den Holocaust oder Jugoslawien im Zweiten Weltkrieg nur am Rande erwähnt. Ausnahmen sind hier:

Milovan Pisarri: The Suffering of the Roma in Serbia during the Holocaust [Stradanje Roma u Srbiji za vreme Holokausta], Belgrad 2014.

Karola Fings u.a.: … einziges Land, in dem Judenfrage und Zigeunerfrage gelöst: Die Verfolgung der Roma im faschistisch besetzten Jugoslawien 1941-1945, Köln 1992.

Lies auch: Vernichtet, nicht umgesiedelt und Roma-Überlebende aus dem ehemaligen Jugoslawien.

BulgarianCroatianEnglishFrenchGermanItalianPortugueseRussianSerbianSpanishTurkish