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Romnja im besetzten Polen retteten Kinder vor dem sicheren Tod

Romnja im besetzten Polen retteten Kinder vor dem sicheren Tod

Das bekannteste Beispiel einer polnischen Romni, die Kinder vor der Vernichtung gerettet hat, war Alfreda Markowska, genannt Noncia. Die junge Frau war im Zweiten Weltkrieg nur durch einen Zufall selbst dem sicheren Tod entronnen. Sie war Essen besorgen, als die Wehrmacht ihr Camp überfiel und ihre gesamte Familie massakrierte. Als Zwangsarbeiterin bei der Bahn rettete sie jüdische und Roma-Kinder aus den Zügen in die Todeslager und nahm Kinder auf, die Massaker überlebt hatten. Sie kümmerte sich selbst um die Kinder, verschaffte ihnen falsche Papiere, suchte überlebende Verwandte oder eine Familie, die sie aufnahm. Noncia starb am 30. Januar 2021 hochbetagt und in Polen sehr geehrt.

Alfreda Markowska war nicht die einzige Romni, die Kinder rettete. Es sind jedoch nur wenige Frauen namentlich bekannt. Zu denjenigen, deren Namen bekannt sind, gehört die 1913 geborenen Zofia Chojnacka, genannt Mamcia. 1942 geriet Zofia Chojnackas Familie bei der Suche nach versteckten Juden ins Visier der Nazis. Bei der Durchsuchung fanden und töteten die Beamten jüdische Kinder, darunter einen Jungen, den Chojnacka in ihrem Zimmer versteckt hatte. Die übrigen jüdischen Kinder wurden von den Nazis fälschlicherweise für Roma gehalten und konnten der Hinrichtung entgehen.

Als Bestrafung erschossen die Nazis 30 Roma – Männer, Frauen und Kinder. Die anderen Roma wurden in das Vernichtungslager Treblinka deportiert. Zu den Deportierten gehörte auch Chojnackas Ehemann. Ihm gelang es zwar, aus Treblinka nach Warschau zu fliehen, doch starb er nach einer Woche an Erschöpfung und Lungenquetschung. Die beiden hatten zusammen vier leibliche Kinder.

Zofia Chojnacka überlebte zusammen mit mehreren anderen Roma und den Kindern. Sie wurden in das Ghetto in Siedlce gebracht. Dort rettete Chojnacka jüdische Kinder vor Massenerschießungen. Dank der Hilfe eines Sinti-Wächters, der sie vor der geplanten Liquidierung der Roma warnte, konnten Chojnacka und der größte Teil ihrer Familie in der Nacht zuvor aus dem Ghetto entkommen. Sie flohen in den Wald, wo sie bei den Partisanen unterkamen. Viele der Roma schlossen sich dem polnischen Widerstand an.

Chojnacka gelangte in die Region Rzeszów. Dort rettete sie weiterhin Roma- und jüdische Kinder. Wie Alfreda Markowska reiste zu den Orten, an denen Massaker verübt worden waren, um Überlebende zu retten, und kümmerte sich um jüdische Kinder, die ihr anvertraut wurden. Während des Zweiten Weltkriegs rettete Chojnacka etwa dreißig Roma- und jüdische Kinder. Sie starb 1986, verehrt nur von der Roma-Community, vergessen von der Mehrheitsbevölkerung.

Auch Weronika Goga, geborene Horwath, die 1905 in den Karpaten geboren wurde, ist namentlich bekannt. 1927 heiratete sie Antoni Goga. Zusammen hatten sie vier Kinder. Das Paar hatten einen kleinen Bauernhof und der Mann arbeitete als Schmied, Ofensetzer, Schuhmacher und Musiker. Gemeinsam spielten sie mit weiteren Familienmitgliedern in einem Familienorchester. Weronika spielte Kontrabass, ihr Mann Violine.

Im Januar 1943 verhafteten die Deutschen alle erwachsenen Roma, die im Haus der Gogas Zuflucht gefunden hatten. Die Kinder ließen sie zurück. Die Erwachsenen wurden ins Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau deportiert und ermordet. Weronika Goga überlebte, da die Nazis sie unter den Kindern übersehen hatten. Sie blieb als einzige Erwachsene zurück. Mit einem Schlag war sie nicht mehr nur die Mutter von vier, sondern von 17 Kindern. Sie sorgte für sie und brachte alle 17 Kinder durch den Krieg.

Bekannt sind auch weitere Romnja, die Waisenkinder großzogen, deren Eltern deportiert oder ermordet worden waren. So soll auch die berühmte Roma-Dichterin Bronisława Wajs, genannt Papusza, einen Jungen adoptiert haben, dessen Familie bei einem Pogrom getötet worden war.

In einer Zeit, in der sie selbst verfolgt waren, sorgten diese Frauen für andere und viele überlebten. Einer der Überlebenden war der spätere Künstler Karol Gierliński, genannt Parno, den Alfreda Markowska als Kind aus einem Zug nach Auschwitz gerettet hat und der die Geschichte  Markowskas, Zofia Chojnackas und nicht namentlich bekannter Retterinnen öffentlich gemacht hat.

Lies mehr:

Justyna Matkowska: Roma Resistance in Occupied Poland; in: Anna Mirga-Kruszelnicka/ Jekatyerina Dunajeva: Re-thinking Roma Resistance throughout History: Recounting Stories of Strength and Bravery, Budapest 2020, S. 145-168.

http://www.romea.cz/en/features-and-commentary/reportage/even-in-hell-she-chose-good-alfreda-markowska-the-polish-romani-woman-who-saved-jewish-and-romani-children-from-the-nazis

https://www.lr-online.de/nachrichten/polen/ehrenbuergerin-von-gorzow-noncia-_-die-stille-heldin-von-gorzow-37957118.html

https://www.tagesspiegel.de/politik/jahrestag-der-auschwitz-befreiung-die-frau-die-dutzende-kinder-vor-dem-tod-bewahrte/9384644.html

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