Am 21.01.2017 berichteten Aktivisten der Antifa Bulgaria im Buchladen Rote Straße in Göttingen über rechtsextreme Strukturen und Organisationen in Bulgarien und deren Vernetzung mit rechten Kräften in Europa. Im Mittelpunkt stand dabei der Lukov-Marsch, der jährlich im Februar unter internationaler Beteiligung stattfindet.
Zunächst beleuchteten die Aktivisten die Geschichte und Grundlagen faschistischer und rassistischer Strukturen und Ideologien in Bulgarien und die damit verbundenen Ressentiments gegen Minderheiten, die sich früher vor allem gegen Jüdinnen und Juden, heute stärker gegen die türkische Minderheit, Geflüchtete und gegen Roma richteten bzw. richten.
Die heutige Stärke der rechten Szene Bulgariens liegt, so die Aktivisten, in der Vielfalt und Verwobenheit von Organisationsformen, die von demokratisch gewählten Parteien über rechte Fußballhooligans bis hin zu semi-legalen, illegalen und paramilitärischen Gruppierungen reichen. Auch die Bedeutung der bulgarischen Medien, die sich zu rassistischen Äußerungen und Handlungen unkritisch bis unterstützend verhalten, wurde in diesem Zusammenhang hervorgehoben. So bleiben ehemalige Mitgliedschaften von Politiker_innen in neonazistischen Gruppierungen oder offen rassistische Äußerungen (s.u.) und Gewaltandrohungen gegenüber Roma unwidersprochen und für die jeweiligen Personen folgenlos:
“We should leave the Gipsy Minority without emergency healthcare, because their neighbourhoods are too dangerous for the medical worker“ (Peter Moskov, ehemaliger Gesundheitsminister Bulgariens)
“If the Roma Crisis continues, I can easily become the next bulgarian Ratko Mladić (Bojko Borissow, Ministerpräsident Bulgariens von 2014-2016).
Anmerkung: Der ehemaligen bosnisch-serbischen General Ratko Mladić ist für zahlreiche Kriegsverbrechen, unter anderem das Massaker von Srebrenica, verantwortlich.
Die rechtsextreme Partei „Ataka“ sitzt mit 23 Abgeordneten im bulgarischen Parlament.
Die Jugendorganisation der Partei „Bulgarischer Nationalbund“ (BNS), die „Bulgarische Nationale Garde“, versteht sich als „Schutztrupp“ vor angeblichen Angriffen durch Roma, und orientiert sich im äußeren Erscheinungsbild an den Uniformen der SS. Neben Roma müssen auch LGBTQ-Aktivist_innen mit Übergriffen durch die „Bulgarische Nationale Garde“ rechnen.
Für die Vernetzung mit der europäischen Neonaziszene und die Organisation von international besetzten Konzerten rechter Bands spielt das internationale Neonazinetzwerk „Blood and Honour“ in Bulgarien eine bedeutende Rolle.
An der illegalen Organisation „National Resistance“ zeigt sich besonders deutlich die konkrete körperliche Bedrohung, die für Minderheiten, Migrant_innen und Linke von rechten Kräften in Bulgarien ausgeht. Ihre Mitglieder veranstalten Anti-LGBTQ-Demonstrationen, greifen Punk-Konzerte an und beschreiben auf ihrer Website offen den Gebrauch von Messern gegen Migrant_innen und geben Tipps zum Entkommen nach Tötungsdelikten. Um ihre Mitglieder auf körperliche Auseinandersetzungen vorzubereiten, betreiben sie „Fightclubs“. Auch in der Fußballfanszene, die von den Aktivisten als durchgängig rechts und als wichtige Basis für die rechte Szene beschrieben wird, werden solche „Trainings“ in Fightclubs angeboten. Die größeren Fan-Clubs wie „Sofia West“ und „Animals“ weisen Verbindungen zur Mafia auf.
Eine besonders erschreckende Entwicklung liegt im Aufkommen paramilitärischer Gruppierungen wie den „Migrant Hunters“, die Geflüchtete an der türkisch-bulgarischen Grenze abfangen, sie ausrauben und ihnen eigenmächtig die Einreise nach Bulgarien verwehren.
Schockierend ist dabei auch die Bewertung dieser Taten und Personen durch Öffentlichkeit und zahlreiche Medienvertreter_innen. Sie übernehmen die in Bulgarien von der Mehrheit positiv besetzte Selbstbezeichnung der Gruppe als patriotisch und feiern ihren wohl bekanntesten Vertreter Dinko Valev als Helden.
Mittelpunkt des Vortrags war der seit 2003 regelmäßig im Februar stattfindende Lukov-Marsch in Sofia, bei dem Zugehörige illegaler rechtsextremer Gruppierungen Seite an Seite mit Parteimitgliedern aufmarschieren. Als größte rechtsextreme Veranstaltung in Bulgarien mit bis zu 2000 Teilnehmer_innen ist der Lukov-Marsch sowohl für die bulgarische als auch für die europäische Neonazi-Szene eine wichtige Plattform zur Vernetzung, Stärkung und Außendarstellung. Aufhänger ist der Todestag des ehemaligen bulgarischen Kriegsministers und Generals Hristo Lukov, der für seine antisemitische und pro-nationalsozialistische Haltung bekannt war, die NSDAP unterstützte und im Februar 1943 von Violeta Jakova, einer jungen widerständigen Jüdin, erschossen wurde.
Lukov war selbst der bulgarischen Mehrheitsgesellschaft nicht sehr bekannt, bevor die Organisatoren des Lukov-Marsches Anfang der Nuller-Jahre begannen, ihn als Nationalhelden Bulgariens darzustellen, indem sie den Fokus darauf ausrichteten, dass Violeta Jakova als Kommunistin im Widerstand gegen den Faschismus organisiert war. In dem ehemalig sowjetischen Land dient dies als Argumentation für eine Propaganda, mittels derer Faschisten als Freiheitskämpfer gegen politische Regime dargestellt werden.
In der europäischen Neo-Naziszene ist Bulgarien, so die Aktivisten, bekannt als Ort an dem es möglich ist, rechte Gesinnung offen zur Schau zu stellen. So muss auch beim Lukov-Marsch heute kaum mit Widerstand gerechnet werden. Linke Strukturen existieren kaum. Störungen und körperliche Angriffe von Neo-Nazis sind selbst bei nicht explizit politisch orientierten Veranstaltungen wie Konzerten an der Tagesordnung. Die Ausgangslage für Antifaschist_innen ist mehr als schwierig. Dennoch konnte die Beteiligung an der Gegenveranstaltung zum Lukov-Marsch in den letzten Jahren gesteigert werden, wenn auch nur auf niedrigem Niveau. Der stetige Einsatz der Aktivist_innen vor Ort, die internationale Solidarität und die Zusammenarbeit mit NGOs und liberalen Kräften ließ die Anzahl der Teilnehmer_innen von sieben bei der ersten Gegenveranstaltung auf etwa 200 im vergangenen Jahr ansteigen.




