
Jahrestag des Todes von Helena Biháriová, einem der ersten Opfer rassistischer Morde in der Post-1989-Ära der Tschechischen Republik
Der 15. Februar ist der tragische Jahrestag eines Mordes aus einer Reihe von Tötungsdelikten an Roma, die sich in der tschechischen und slowakischen Gesellschaft während der 1990er als neues Phänomen ereigneten. 1998 ertrank die vierfache Mutter Helena Biháriová in der Elbe, nachdem sie zwei betrunkenen Jugendlichen aus Klatovy, Petr Klazar und Jiří Neff, Sympathisanten der Skinhead-Bewegung, begegnete. Sie griffen sie körperlich und verbal an und trieben sie ins Wasser.
Eliška Pilařová, eine Journalistin, versuchte Biháriová, die nicht schwimmen konnte, zu retten, nachdem sie ihre Hilferufe gehört hatte. Jedoch vergebens. Helena Biháriovás Leiche wurde erst nach zwei Tagen gefunden.
Der tschechische Präsident Václav Havel verlieh Pilařová einen Tapferkeitsorden; sie kam nach ihrem Rettungsversuch wegen Unterkühlung ins Krankenhaus. Der erste Pogrom gegen Roma in der neugegründeten demokratischen Tschechoslowakei fand nur zwei Jahre nach der Samtenen Revolution von 1989 in Libkov (in der Nähe von Klatovy) statt.
Ein 22jähriger Mann starb nach einem Handgemenge, bei dem er verletzt wurde. Emil Bendík, ein Bewohner Klatovys, wurde am 23. Februar 1991 so brutal geschlagen, dass er zwei Tage später an den Folgen seiner Verletzungen starb.
Nicht lange vor diesem mörderischen Angriff erhielt Bendíks Großvater, Bartoloměj Jano, einen Drohbrief, der vom Ku Klux Klan unterschrieben war. Eine Gruppe von 28 Angreifern wurde wegen Körperverletzung, Ruhestörung, Sachschaden und unerlaubten Betretens angeklagt. Einige von ihnen kamen mit Bewährungsstrafen davon.
Am 24. September 1993 starb ein 17jähriger Rom, Tibor Danihel, in Folge eines rassistisch motivierten Mordes. Skinheads von České Budějovice (Budweis) bis Příbram versammelten sich in Písek mit der offenkundigen Absicht, Roma zu „jagen“.
Nachdem sie durch die Stadt marschiert waren, fanden sie ihre Opfer auf einer Flussinsel – drei Roma-Jungen, die in Panik ins Wasser sprangen. Die Nicht-Roma-Jugendlichen besetzten beide Flussufer, schrien Schlachtrufe und ließen ihre Opfer lange nicht aus dem Wasser. Tibor Danihel starb schließlich entkräftet.
Das tschechische Rechtssystem fasste die Taten der Gruppe als „verrückten Streich“ auf, so die Worte des Bezirksstaatsanwalts von Písek, Sigmund. Der Fall Helena Biháriová ist, neben einigen anderen, ein weiteres bitteres Zeugnis für die Zahnlosigkeit des Rechtssystems nach 1989, das nicht weiß, wie man angemessen mit rassistisch motivierten Morden „fertig wird“.
Helena Biháriovás Tod wird rechtlich nur als Nötigung mit Todesfolge und Randalierens aufgefasst, während der Fall Tibor Danihel von den tschechischen Gerichten schließlich als Mord eingestuft wurde (wenn auch erst nach einer unverhältnismäßig langen Zeit) – dank der enormen Bemühungen engagierter Aktivist_innen. Trotz der Tatsache, dass die Täter in Helena Biháriovás Fall eine kriminelle Vergangenheit hatten, sie wegen Konflikten mit Roma vorbestraft waren und Psycholog_innen ihre Taten als rassistisch motiviert einschätzten, fand das Gericht nicht genügend Beweislast für eine rassistische Motivation.
Klazar wurde wegen Randalierens zu 15 Monaten Haft verurteilt, während Neff wegen Nötigung mit Todesfolge zu achteinhalb Jahren Gefängnis verurteilt wurde. Wie es in der tschechischen Gesellschaft üblich ist, wurden Gerüchte verbreitet, die dem Opfer eine fragwürdige Moral unterstellten – so wurde gemunkelt, sie habe sexuelle Dienste angeboten, ihre Kinder seien ihr als Säuglinge vom Staat weggenommen worden, ihr Lebensgefährte hätte Probleme mit dem Spielen usw.
Die Überzeugung, das Opfer habe kein „anständiges“ Leben geführt, schien den Angriff selbst zu rechtfertigen – für viele waren diese haltlosen Gerüchte eine Genugtuung und sie glaubten, ihr Tod bedeute nur: „eine Kriminelle weniger“. Einige verhielten sich nach Tibor Danihels Tod ähnlich, nachdem Gerüchte verbreitet worden waren, das Opfer habe sich nach dem Schnüffeln von Toluol selbst ertränkt.
„Die Botschaft, die das Gericht in Karviná damals für Roma hatte, gilt immer noch: Du kannst dir der Gerechtigkeit in diesem Land nicht sicher sein. Du kannst immer einen Kriminalbeamten, einen Staatsanwalt und dann einen Richter finden, der guten Gewissens willens ist, einen brutalen Mord in eisigem Wasser an einer jungen Frau als unglücklichen Unfall anzusehen“, schrieb Journalist Jindřich Šídlo in einem Kommentar für die Wochenzeitung RESPEKT. Er reagierte damit auf die Urteile in den Mordfällen Biháriová, Danihel und Milan Lacko.
Einer der wenigen, die von Anfang an überzeugt waren, dass Biháriovás Fall ein rassistisch motivierter Mord war, war der neu-ernannte Minister ohne Geschäftsbereich, Vladimír Mlynář. Etwa 200 Menschen versammelten sich am Tag der Beerdigung auf dem Altstädter Ring in Prag, um gegen Rassismus zu demonstrieren, und es wurde ein Konto zur finanziellen Unterstützung ihrer vier Kinder eingerichtet.




